Romane für den hellen März
26. Februar 2010Taschenbuch:
Anna Katharina Hahn, “Kürzere Tage”, Suhrkamp, € 8,90
Kürzer werden die Tage, wenn der Herbst hereinbricht, die stille Wohnstraße in Stuttgart mit Kastanien übersät wird, die Kinder zu Halloweenpartys aufbrechen und der Nebel die Gärten der Villen umhüllt.
Dass auch die reichen Bewohner dieser edlen Fassaden oftmals alles andere als glücklich sind, ist nicht neu. Doch dieser Roman beleuchtet in virtuoser, filigraner Sprache die Essenz ihrer Verzweiflung: Leonie leidet stark an ihrer Doppelrolle als Karrierefrau und Mutter, Judith an Panikattacken. Die gütige Luise Posselt, die für beide junge Frauen so etwas wie die Mutterrolle übernommen hat, lässt ihr Leben Revue passieren, all die Werte, die im Lauf der Zeit verloren gingen. Und dann ist da noch der dreizehnjährige Marco. Er lebt bei seiner selbst noch jugendlichen Mutter um die Ecke. Was er schon immer vermißt hat, ist nicht nur materieller Wohlstand. Ein Roman voll einzigartiger Sogkraft.
Hardcover:
Michela Murgia, “Accabadora”, Wagenbach, € 17,90
Erst im jugendlichen Alter kommt Maria hinter das Geheimnis Bonarias. Bonaria ist ihre “Seelenmutter” (nach diesem alten Brauch werden in Sardinien Kinder aus vielköpfigen Familien bis heute völlig formlos von alleinstehenden Paaren adoptiert). Ein tragisches Ereignis, das vor allem die Familie von Marias bestem Freund seit Kindheitstagen, Andriu, betrifft, wird Maria die Augen öffnen über jenes rätselhafte Verhalten, das die alte Bonaria seit Jahren an den Tag (eher “an die Nacht”) legt. Und von diesem Moment an ist nichts mehr, wie es war. In poetischer, liebevoller Sprache beschwört die Autorin in lebendigen Bildern eine archaische und doch gegenwärtige Dorfwelt herauf, in der die alljährliche Feldernte unter der sengenden Inselsonne ebenso dazugehört wie die kleinen liebenswerten Eitelkeiten einer dreizehnjährigen Brautjungfer. Und sie gibt einen fundierten Einblick in das Leben in Sardinien, welches mit dem modernen Italien, in das es Maria nach dem Unglück verschlägt, wenig gemein zu haben scheint.
